Deutsch | Mathematik | Biologie | Geschichte | Sport | Archiv  
   


Die Mathematik hat "sich zur Propagandistin des Dritten Reiches und seiner Ideologie machen lassen."
Flessau, Kurt-Ingo: Schule der Diktatur; Lehrpläne und Schulbücher des Nationalsozialismus; München 1977; Seite 143.
 

Mathematik


'Frontalunterricht galt als die der Diktatur angemessene Unterrichtsform, in der die Lehrer die Schüler, die weitgehend zur bloßen Rezeptivität verurteilt waren, dozierten, lenkten und leiteten'.1 'Der gesamte schulische Lehr- und Stoffplan knüpfte ein insgesamt dichtes Netz, in dessen Fäden und politischen Maschen sich die Schüler leicht fangen ließen. So wurde gewährleistet, dass jeder Schüler fortwährend neu damit konfrontiert wurde, alles nur noch so zu sehen wie es der Staat stellvertretend durch die Schule sah.'2

'Die rassekundliche Erziehung die u.a. die Verbreitung rassistischer und völkischer Vorstellungen beinhaltete war fächerübergreifendes Unterrichtsziel' - auch für den Mathematikunterricht.3 Die 'Rechen- und Mathematikbücher boten genügend Möglichkeiten zur Propaganda und Einflussnahme.'4 Mit Hilfe banaler Rechenaufgaben hat der Mathematikunterricht den Schülern nationales Bewusstsein, Chauvinismus, Menschenverachtung und Rassenhass geweckt.'5
- Die Mathematik hat "sich zur Propagandistin des Dritten Reichs und seiner Ideologien machen lassen".
6

Rechen- und Mathematikschulbücher aus der nationalsozialistischen Zeit waren - wenn auch nicht alle - darauf ausgelegt, 'das Denken der Schüler gemäß der aktuellen politischen Lehre zu beeinflussen'.6 Dabei ging man 'psychologisch geschickt vor, man nannte Daten und Fakten, stellt daraus Aufgaben und zwang den Schüler, bestimmte Schlüsse zu ziehen.'7 Das "Rechenbuch für Knaben- und Mädchen-Mittelschulen sowie Anstalten mit verwandten Zielen" zielt z.B. darauf ab "eine heranwachsende charaktervolle Jugend zu einem immer tieferen Verständnis [...] zu führen".8 Durch Mathematikbücher wurde das 'gesellschafts- und parteikonforme Bewusstsein' geprägt. Auch wenn einige Aufgaben, 'direkt oder indirekt das politische Weltbild der Schüler beeinflusste, wurden dabei aber auch die üblichen Ziele des Rechen- und Mathematikunterrichts verfolgt'. Somit lässt sich also 'nicht leugnen', dass die 'Denk- und Rechenfähigkeit geschult wurde'. Die 'Aufgabethematik wurde aus dem Lebens- und Arbeitsbereich der Bauern und Arbeiter, dem Militärwesen und den vermeintlichen oder tatsächlichen Leistungen des neuen Staates: dem Bau der Reichsautobahnen und den Taten des Reichsarbeitsdienstes, der schwindenden Arbeitslosigkeit und dem wachsenden Wohlstand, ... entnommen'. Ferner wurde 'Genealogie (d.h. Ahnenforschung, Geschlechterfolgenforschung, Verwandtschaftsentwicklungsforschung) und Geschlechterdenken, Blut-und-Boden-Spekulation ferner Antisemitismus, Chauvinismus und Militarismus zum Inhalt von Rechenaufgaben'.9

Ob ideologisch oder propagandistisch aufgeladene Aufgaben, Weltanschauungs-Aufgaben aus nationalpolitischen Sachgebieten, Militär- und Kriegsdaten, NS-Informationen, der Jude als Volksschädling oder Inhumanität und menschenfeindliche Brutalität, all dies findet man in den folgenden Mathematikaufgabenbeispielen wieder. "Zahlreiche Statistiken beziehen sich auf das Jahr 1933, das Jahr der angeblich großen Wende. Triviale Rechenexempel fördern unterschwellig Gefühle der Unmenschlichkeit und des Hasses, Aufgaben über Menschenopfer und Verluste während des Ersten Weltkriegs sollen kriegerisches, nationalistisches, revanchistisches Denken entwickeln".
Angaben über Reparationsforderungen und -leistungen gemäß des Vertrages von Versailles sollen Hass und Abneigung gegen die Urheber des "Diktats", gegen Deutschlands Nachbarstaaten, stärken. Die künftigen Ziele nationalsozialistischer Politik nennen die Bücher in aller Deutlichkeit. Das lässt sich an Hunderten von Aufgaben aus Rechenbüchern jeder Schulstufe und Schulform ausführlich belegen." "Die hier praktizierte Mathematik vermittelt nicht ein geistiges, intellektuelles Erlebnis, sondern ein gefühlsmäßiges: was der neue Staat tut, geschieht um der "Schicksalswende unseres Volkes" willen. Nicht um mathematisch-abstrakten Verstand, sondern um tieferes "Verständnis" geht es dieser Mathematik und Rechenkunst, kurz um politische Bekehrung statt um sachbezogene Belehrung."10
In dem "Rechenbuch für Knaben- und Mädchen-Mittelschulen sowie Anstalten mit verwandten Zielen" Heft 4/5 befindet sich z.B. eine Textaufgabe in der die 'verschiedenen Heeresstärken und die Zahlen der in den Armeen von Deutschland, England, Russland, Frankreich und Italien dienenden Analphabeten für 1914 benutzt werden. Die wenigsten Analphabeten gab es nach dieser Tabelle [...] im deutschen Heer, viele im italienischen, mit Abstand die meisten im russischen'. Hinter solchen Aufgaben, die mathematisch gesehen nicht viel bzw. fast gar nichts hergeben und eigentlich nicht in den Mathematikunterricht gehören, 'verbergen sich politisch-propagandistische Motive' - 'hier wird scheinbar bewiesen, dass das deutsche Volk, vertreten durch die deutsche Armee, das zivilisierteste, bestgebildete in Europa war (und ist)'. 'Damit scheint, wenn hier auch nur angedeutet, der Anspruch gerechtfertigt, die Deutschen müssten die europäische Führungsmacht, zumindest dem Stand ihrer Schulbildung nach, vor England und Frankreich sein. Ferner: Italiener und Russen verharren mit fast 31 und 62 Prozent Analphabeten zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch auf der Stufe von "Primitivkulturen".'11

Weitere Aufgaben